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„Jeder hat hier seinen eigenen Wein“ - Ikaria im Sommer der Krise 2012, Teil 2

„Jeder hat hier seinen eigenen Wein“ - Ikaria im Sommer der Krise 2012, Teil 2

Die Insel Ikaria lockt mit Bergen und Stränden, dem undurchdringlichen schon der Wald von Ranti und bringt einen zauberhaften Pramnios-Wein, den schon Homer erwähnte und von den politischen Besonderheiten ist jedoch politisch gefärbt: Ikaria war eine Verbannungs-Insel für Linke nach dem Zweiten Weltkrieg und ist noch eine Hochburg der Kommunisten.


Moussetis

Noch vor dem Frühstück mache ich mich zu einem Spaziergang auf. Ich schlage den alten Pfad von Akamatra nach Kossikia ein, der hoch über den Dörfern verläuft. Auf den Bergen liegt noch das rosa Licht des Morgens. Nach einer halben Stunde geht es an einer Trockenmauer entlang. Plötzlich taucht aus einem Gebüsch ein Mann auf, groß und schwer, mit einem üppigen Schnurrbart unter der knorrigen Nase. Wir kennen uns seit Jahren. Es ist Apostolos Mussetis. „Komm mit, wir trinken einen Kaffee!“ fordert er mich auf. Es sind nur etwa hundert Meter bis zu seinem Haus in dem Dorf Steli. Im kleinen Vorhof tummeln sich Katzen. Ein Tisch und ein paar Stühle werden herangeschafft. Seine Frau kommt mit Brot und Ziegenkäse, dann verschwindet sie, um den Kaffee zu machen. Wir reden über Politik, über die Krise. Apostolos nimmt eine gemäßigte Haltung ein. Er war vor der Verwaltungsreform „Kapodistrias“ Bürgermeister der Gemeinde Akamatra. Er beschreibt mir die Situation in der inzwischen zu einer Großgemeinde vereinigten Insel, die immerhin etwa 8000 Einwohner umfasst. Der heutige Bürgermeister, der Kinderarzt Stavrinadis, habe einen schweren Stand. Alle Gelder der ehemals drei Gemeinden seien verbraucht. Der Bürgermeister buttere sein eigenes Geld in die Gemeinde, wenn die Kasse mal wieder leer ist, um die Rechnung etwa für das Heizöl zu bezahlen. Notwendige Maßnahmen seien fast nicht mehr durchzuführen.

Insel der Verbannten

Ikaria trägt in der griechischen Bevölkerung auch den Namen „Der rote Felsen“ Als 1946 der Bürgerkrieg ausbrach, wurden über 13.000 Kommunisten und andere Linke nach Ikaria verschleppt. Die wurden auf die Dörfer verteilt. Der Komponist Mikis Theodorakis war unter ihnen. In Ermanglung von Arbeit begannen sie, die Bevölkerung in ihre Ideologie einzuführen. Mit Erfolg. Bis heute hat die Kommunistische Partei hier den höchsten Anteil in ganz Griechenland.
Bei den ersten Kommunalwahlen nach der Kapodistrias-Reform gewann die kommunistische Partei sogar das Bürgermeisteramt für Evdilos. Sie etablierten ein streng autoritäres Regime. Jegliche Kritik und Opposition wurde als Angriff gegen die Vormacht der Partei angesehen. Diskussionen wurden abgelehnt, Kritiker auf eine Boykottliste gesetzt. Das kommunistische Regime in Messaria erwies sich als intolerant, dogmatisch, klientelistisch, unflexibel und vor allem undemokratisch. Sie sorgten dafür, dass gleich zu Anfang einige der alten leer stehenden Häuser in Evdilos abgerissen wurden. Beim folgenden Hafenausbau wurde der Ort gegen die Proteste der Bürger völlig verunstaltet. „Das absurde an den Kommunisten ist, dass sie sich progressiv nennen“, bemerkte Nikos Tsangas, ein ehemaliger Gymnasiallehrer und Verfasser von mehreren Büchern über Ikaria.

Rassismus

Vor einigen Tagen kommt es in der neu entstandenen Kleinbürgersiedlung Pharos östlich der Hauptstadt Agios Kyrikos zu einem rassistischen Vorfall. Dem arabischen Frauenarzt des Krankenhauses wird von einer Gruppe von Leuten das Parken auf dem Platz vor dem Badestrand verwehrt. Es ergibt sich ein Wortwechsel. Ein Handgemenge entsteht. Die Polizei wird gerufen. Der Arzt sei in das Haus seines Gegners eingedrungen, um ihn zu verprügeln, behaupten alle. Nur ein unbeteiligter Zeuge aus der Nachbarschaft widerspricht dem. Seither wird er von seinen Nachbarn mit einem Grußboykott belegt. 

Pramnios Inos

Wir haben ein paar Leute zu uns nach Hause eingeladen. Ich mache mich auf die Suche nach ikariotischem Wein. Unser Nachbar hat seine ganzen Vorräte für die Hochzeit seines Sohnes verbraucht. Beim Bakalis (Laden) in Akamatra gibt es nur die bekannten abgefüllten Marken. „Jeder hat hier seinen eigenen Wein“, sagt die Frau im Laden. Also fahre ich hinunter nach Evdilos und gehe alle Geschäfte ab. Umsonst. Etwas außerhalb hat ein Carrefour aufgemacht. Dort führen sie nur Flaschenwein namens „Icarus“ für 9,50 Euro. Schade! Ikarias Wein ist etwas Besonderes. Hinter Evdilos erhebt sich das Pramnos-Gebirge (auch Atheras genannt), an ihm ziehen sich seit mehr als 3000 Jahren die meisten Weinberge hinauf. Homer erwähnt den Pramnios-Wein in seiner Odyssee (X, 235). Mit ihm macht die Zauberin Circe die Reisegenossen des Odysseus betrunken und verwandelt sie in Schweine. Die Zauberwirkung dieses Getränks spürt man auch heute noch, wenn man den 17 Prozent starken Wein aus der Phokiano-Rebe etwas zu üppig probiert. 

Der Wald von Ranti

Wer mit dem Auto von Evdilos zur Südseite will und die Straße über Messaria nimmt, der sieht jenseits eines steilen Felsabbruchs und hinter dem Dorf Petropoúli eine sanfte Bergkuppe, die von unten bis oben dicht mit Bäumen bewachsen ist. Auf seiner Spitze steht ein Kirchlein. Hier am Christovouni beginnt der Wald von Ranti, ein Naturwunder, das sich seit Jahrhunderten entwickelt hat und sich über mehrere Quadratkilometer erstreckt. Buschwerk, wie der Erdbeerbaum und die Steineiche, wurden von unten von wilden Ziegen angefressen mit der Folge, dass allmählich Bäume daraus wurden, deren Wipfel sich nach oben entwickelten, dort zu einem beinahe lichtdichten Dach sich verfilzten und unten am Boden kein Wachstum mehr zuließen. In diesem finsteren Walde kann man bequem gehen, nur verirrt man sich so leicht, dass kaum mehr jemand den oberen Einstieg in die Südwand mit dem Pfad nach Manganitis sucht. Nur wenige Alte kennen noch den Weg. Einige Reisebüros bieten Wanderferien auf Ikaria an. Doch in den Wald von Ranti wagen sie sich nicht. Alle Veränderungen und Krisen der letzten 200 Jahre hat dieser Wald unversehrt überstanden.

 

                                                                                                                                                                                       Quelle: Griechenland.de