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REISEN IN DIE STILLE – Landkreis Kalambaka

REISEN IN DIE STILLE – Landkreis Kalambaka

Zu den Meteora-Klöstern fahren alle. Sie sind ja auch UNESCO-Welterbe, zieren Titelseiten und Plakate. Kalambaka und Kastraki, die beiden Orte zu Füßen der berühmten Klosterfelsen, sind voller Touristen – doch die Dörfer im Landkreis Kalambaka bekommen vom Touristen- und Geldsegen nichts ab. Nach den Klosterbesuchen geht's für die Urlauber weiter nach Thessaloniki, Delphi oder Athen. Die Dörfer sterben weiter einen langsamen Tod.
 
Einem badensischen Paar erging es im letzten Dezember anders. Sie hatten sich mit ihrem Wohnmobil in die Dörfer des Landkreises gewagt. Fuhren hinauf zum Kirchlein des Profitis Ilias oberhalb von Megali Kerasia. Er sah von dort oben den Dorffriedhof tief drunten im Tal und sagte zu seiner Frau: „Da will ich begraben werden!“. Sie fuhren ins Dorf und kauften noch am gleichen Tag ein Haus.
Megali Kerasia war unser erster Stopp im Landkreis Kalambaka, einem der 20 am dünnsten besiedelten Demen (Kommunen) Griechenlands. „Hello, good morning, come here“, rief Xanthippe von der Terrasse ihres Hauses, als wir direkt davor wegen eines Landschaftsfotos hielten. Sie sprach fließend Englisch, hatte lange in Athen gelebt, besaß da zusammen mit ihrer Schwester ein Haus. Erst vor kurzem war sie arbeitslos geworden und zu den Eltern ins Dorf zurückgekehrt. Ihre Eigentumswohnung in Athen hat sie trotzdem nicht weitervermietet: Sie könne ja einen Mann kennenlernen, der sie heiraten und mit ihr in Athen leben wolle. Wir sprechen Xanthippe auf den Zweiten Weltkrieg an. Damals hatten großdeutsche Truppen viele Dörfer in der Region abgebrannt, ihre Bewohner als Geiseln genommen und viele erschossen. „Ja, das stimmt wohl“, bestätigt die 38-jährige, „es war halt Krieg und mein Großvater war auch Partisan!“ Sie bittet mich, mit in die Küche zu kommen. Da sitzt der 85 Jahre alte Mann in Pyjama-Hose und Pulli. Wir geleiten ihn an den Gartentisch. Er scheucht seine Enkelin weg: Wir würden jetzt schließlich ein Männergespräch führen, da habe sie bei uns nichts zu suchen. Tsipouro, gebratene Hühnerleber und Käse kommen auf den Männertisch. Dann erzählt der Greis, dass die Partisanen 1940/41 drunten im Tal eine provisorische Piste für englische Piloten angelegt hatten. Nachts kamen sie von Ägypten her und brachten Nachschub für die Andartes (Widerstandskämpfer), die ihnen die Landebahn mit 30 Feuern markierten. Man habe viel gekämpft, auch er habe wohl Deutsche getötet – aber es sei halt Krieg gewesen. Und außerdem hätten nicht die Deutschen, sondern Hitler die Griechen ermordet. Gegen Deutschland habe er nichts, sei schließlich selbst in den 1960er Jahren als Gastarbeiter in Köln und Wuppertal gewesen.
 
Wie eine Teeplantage in Sri Lanka
 
Wir fahren weiter in Richtung Metsovo, sehen die Odos Egnatia vor uns, die als tunnelreiche Autobahn Alexandroupolis mit Igoumenitsa verbindet. Vor der Grenze zum Epirus biegen wir nach Malakassi ab. In der Ferne ragt ein Meteora-Fels wie ein Zeigefinger auf, als wolle er sagen „Hier bin ich“. In einer Käserei am Dorfrand dürfen wir frischen Feta-Käse probieren, dann geht es auf einem guten Feldweg in ein dicht bewaldetes Bachtal hinunter und auf der anderen Seite auf brüchigem Asphalt hinauf nach Ambelochori. Wir trauen unseren Augen kaum: Die Häuser eines ganzen Ortsteils sind mit uraltem Wellblech gedeckt, als gehörten sie zu einer Teeplantage in Sri Lanka oder Darjeeling. Am Dorfplatz kehren wir im „Kreapantopoleio Papakosta“ ein. Vor dem Lokal stehen sechs Kisten mit Gurken-, Paprika- und Tomatensetzlingen zum Verkauf, der Metzgerblock ist nagelneu. Wirt Ilias muss zu seinen 150 Bienenstöcken, aber vorher dürfen wir jeder noch einen Teelöffel von seinem Honig verkosten. Und dann zeigt er uns auch noch, woher das Dorf seinen Namen hat, der ja  „Rebgartendorf“ bedeutet. In einem alten Weinkeller am Dorfplatz lagern noch hölzerne Fässer – Wein aber wird hier schon seit Jahrzehnten nicht mehr angebaut – es sind ja kaum noch Menschen im Dorf.
 
Kehrtwendung zum lokalen Tresterbrand
 
15 Kilometer weiter machen wir in Kalomoira Halt. Eine alte Frau sitzt am Tisch, auf dem eine Plastikkiste voller Briefumschläge steht. Davor liegt ein blaues Schulheft mit einer langen, handgeschriebenen Namensliste. Alle 500 hier Vermerkten sollen ein Einladungsschreiben für die Hochzeit des Enkelsohns bekommen, die demnächst in Trikala drunten in der Thessalischen Ebene stattfinden wird. Die fertigen Briefe nimmt dann der Postbote mit, der einmal wöchentlich ins Dorf kommt. In den Regalen des Cafés stehen mehr Whiskyflaschen als in den meisten deutschen Kneipen. Wer die denn trinke, will ich wissen. „Niemand mehr“, sagt die Wirtin. „Früher haben wir manchmal zwei Flaschen am Abend ausgeschenkt, heute nur noch zwei Gläser im Monat. Die Krise hat auch die Jungen zum Tsipouro (Tresterbrand) zurückgebracht.
Die Krise schlägt bis in die Dörfer durch. In Kastania bringt uns der Gemeindeförster zum Hotel des einstigen Ziels für griechische Wochenendurlauber. Der Wirt, jetzt fast 80, hat das Geld für seinen Bau 30 Jahre lang in Aachen gespart: 18 Zimmer, kleiner Pool auf 1000 Meter Höhe, grüne Liegewiese vor Waldkulisse, schicke Bar, plüschiger Salon mit Kamin und Jagdtrophäen an der Wand. Nur Gäste kommen kaum noch her, am Hotel nagt der Zahn der Zeit.
 
Vlachen- und Höhlenkirchen
 
Durch ein Tal, in dem der Wald jetzt auch im Mai mit einem Tuschkasten voller Grüntöne spielt, geht es nun im Schatten schneebedeckter, sehr alpin anmutender Gipfel nach Süden. Im Bach wimmelt es von Forellen, die Forstverwaltung hat Picknickplätze angelegt und ein Schild mit Regeln für Angler aufgestellt. Ein Hotel im Stil einer mittelalterlichen Burg wirbt für seine Pilzsammeltage im November und für seine Pindos-Trüffel. Unser nächstes Zwischenziel ist eine der eigenartigsten Kirchen Griechenlands: Das Moni Timiou Stavrou in der Waldeinsamkeit bei Doliana. Mit ihren zwölf Kuppeln wirkt sie wie aus einem anderen Land hierher versetzt. Uns fällt ein, was Xanthippe erzählte: Die Bewohner dieser Region seien Vlachen, die erst vor gut 200 Jahren aus Rumänien nach Griechenland zurückgekehrt seien. Die Kirche wird jetzt mit EU-Mitteln restauriert. Moderne Zuganker sichern das Mauerwerk, Steinmetze erneuern die Reliefs, die Georg im Kampf mit dem Drachen und viele Cherubime zeigen.
An unserem Rundkurs zurück nach Kalambaka, auf dem Kuhfladen mit Steinschlagsbrocken um die Vorherrschaft ringen, liegen dann noch zwei weitere, ganz seltsame Kirchen. Die in eine grandios gemaserte Felswand hinein gebaute Höhlenkirche des hl. Nikolaos und die auf offener Wiese stehende Kirche der hl. Paraskevi, die seit dem Jahr 2000 wieder im alten Glanz erstrahlt. Auch sie verweist vom Typ her nach Rumänien. Dem Dach der Hauptkirche sitzt eine Kapelle auf, zu der man nur über hölzerne Stiegen gelangt.
 
Auf Jeep-Piste zu einem kleinen Wasserfall
 
Nach einer Nacht in Kalambaka, wo wir nur eine halbe Stunde Fußweg vom Asphalt entfernt noch das kleine Meteora-Kloster Ypapantis entdecken, das oft tagelang von keinem einzigen Fremden besucht wird, brechen wir auf zur Weiterfahrt in zwei andere Regionen des Landkreises Kalambaka: Die Chasia und die Antichasia. Auch hier liegen viele Dörfer um die 1000 Meter hoch, doch die Täler und Hügel sind sanft, erinnern eher an den Schwarzwald als an die Alpen. Es bleibt Platz für größere Felder, Rinder weiden frei an den Hängen. Eine seltene Gedenkstätte bei Oxyginia erinnert uns daran, dass auch die Italiener im letzten Weltkrieg Unheil angerichtet haben. Ein Wegweiser schickt uns auf eine Jeep-Piste, die nach 1500 Metern zu einem kleinen Wasserfall führt, hinter dem eine Brücke aus dem Jahre 1403 den Bach überspannt. Auf dem Dorfplatz von Agnantia sammeln sich wieder die Einwohner um uns, um mit uns über Frau Merkel und die EU zu diskutieren. Mit dabei ist auch ein junger Schriftsteller aus Athen, der sich in die Stille zurückgezogen hat, um seinen zweiten Roman zu schreiben. Wir fahren hinauf zum winzigen Stausee von Longa mit seinen Picknickplätzen und Rundweg für Wanderer, sehen ganz in der Ferne die immer noch von Schnee bedeckten Gipfel des Pindos, erfreuen uns am Anblick des Bussards, der mit einer Smaragdeidechse in den Fängen ganz dicht vor unserer Windschutzscheibe auffliegt.
In Koniskos, der ehemaligen Hauptstadt des Altkreises Tymphaion, wollen wir dann Abschied von dieser lieblichen Landschaft nehmen, bevor uns unser Weg ins Hochgebirge von Agrafa weiter führt. Wir nehmen auf der Terrasse des Kafeneio unter Schwalbennestern  Platz. Das Lokal ist gut besucht, denn es steht gleich neben der Kreisapotheke. Eine schlecht sehende Alte fragt mich, ob ich Post für sie habe – sie hat mich für den Briefträger gehalten, der hierher sogar zweimal wöchentlich kommt. Dann steht die Wirtin wortlos ganz dicht vor mir. Ihre angewinkelten Arme sind leicht ausgebreitet, die Handflächen  leicht nach außen gedreht. Ihre Lippen lächeln, die Augen sind weit geöffnet. Ich weiß, was sie mich damit fragen will: Wer bist du, woher kommst du, was hat dich hierher verschlagen? Eine Antwort weiß ich jetzt schon: Mich locken die Menschen, die an diesen Fragen noch Interesse haben …
 
 
                                                                                                                                                                               Quelle: Griechenland.de